Geschichte
„Es hat übrigens geklappt“, erzählt Jörg, als wir auf der B 10 Richtung Neumarkt fahren. Wir sind unterwegs, um eine Reportage über einen Jungen zu machen, der sein Kurzzeitgedächtnis verloren hat. Wenn ich mich recht entsinne, hatte ich diesmal die Lederhose an.
„Was hat geklappt?“, frage ich geistesabwesend, die Mappe mit meinen Notizen auf dem Schoß.
„Die Tirol Werbung hat sich zu einer Fotosache entschieden.“
„Super, gratuliere! Das Sommer- oder Wintermotiv?“
„Sommer. Aber diesmal geht es um etwas ganz anderes. Kein Einzelmotiv.“
Der Verkehr läuft zäh, wir sind spät dran, und Jörg redet von diesem „richtig großen Projekt“, einem „Bilderpool“ und einem Fotografen-Kollektiv, das er gerade mit Wolfgang Scheppe zusammenstelle. Jörg und Wolfgang hatten über die Jahre immer wieder zusammengearbeitet, zuletzt an Scheppes großartigem „Migropolis“-Projekt (einem überbordenden Buch über globale Strukturen und Ströme in einer prototypischen Tourismus-Maschine namens Venedig mit Tausenden von Fotografien, Statistiken, Schaubildern, Diagrammen, Essays und Interviews).
Wer ist eigentlich dieser Wolfgang Scheppe? Er lehrt Philosophie, arbeitet aber auch als Künstler und Kurator. Steht in der Tradition des Situationismus und verdient doch sein Geld im Marketing. Einer, der sich der gesellschaftlichen Arbeitsteiligkeit offenbar nicht unterwirft. Zürich, Venedig, New York. Er bewegt sich im Spannungsfeld von Bild und Bildkritik.
Als ich zum ersten Mal mit ihm telefoniere, wird er nach drei Minuten vom „Stalinismus des blauen Himmels“ reden. Man hört ihm die Entschiedenheit an. Das gefällt mir.
Erst viel später verstehe ich, was die beiden vorhaben: Sieben routinierte und renommierte Fotografen sollen in Tirol ausschwärmen, um sich ein Bild vom drittgrößten Bundesland Österreichs zu machen. Keine thematisch orientierten Reportagen sind gefragt, auch nicht die üblichen Werbefotos, sondern
neue Einsichten aus
einem klaren Blick.
Bilder, die etwas über die Region erzählen. Persönliche Bilder, Sehnsuchtsbilder in zeitgemäßer Bildsprache, Contemporary Photography. Die Tirol Werbung will den geeigneten Teil der Ausbeute zu Werbezwecken benutzen, außerdem sollen ein Buch und ein Ausstellungszyklus entstehen. Auftragsfotografie ja, aber Auftragsfotografie mit einem Autoren-Ansatz.
„Genau die Art von
Projekt eigentlich,
die wir uns immer
gewünscht haben:
Die Aussicht lichtet
sich.“
So was. Er wolle nicht nur an den Bildern, sondern auch an den Arbeitsweisen rütteln, sagt Jörg. „Mehrere Schultern sollen das Projekt quasi als Kollektiv tragen“, schreibt er später in einem Mail: „Wenn alle voneinander wissen, spielt Konkurrenzdenken keine Rolle.“
Die Fotografen sind glücklich über die Freiheit, die man ihnen lässt, aber auch ein bisschen unsicher. Karten, Infos und Kontakte haben sie bekommen statt der üblichen Vorgaben. Eigenverantwortung. Zum Glück ist man nicht allein.
„Ganz schön mutig von der Tirol Werbung“, finde ich, „die können sich doch denken, dass auf euren Fotos nicht alles nur rosig aussehen wird.“ Transitverkehr, Massentourismus, Skilifte, DJ Ötzi – Tirol besteht ja zumindest für unsereinen nicht nur aus dem Wilden Kaiser, Speckknödeln und dem Goldenen Dacherl. „Klar ist es mutig“, meint Jörg, aber es sei eben auch
eine Art Forschungsprojekt.
Eine Geschichte mit offenem Ausgang, eine Chance. Eine Chance, sich freizumachen von eingefahrenen Verfahren, Methoden und Lösungen.
„Wird ja auch höchste Zeit, dass sich etwas ändert. Wer will denn heute noch diese eindimensionalen Postkarten-Fotos sehen, diese endlos wiedergekäuten Klischees!“
„Die Leute wissen ja längst,
dass diese Prospektbilder
im Grunde genommen falsch
sind. Dass sie nichts mit ihren
wirklichen Erfahrungen zu
tun haben.“
Es gehe ja nicht darum, Kunst zu machen, fährt Jörg fort, man wolle lediglich einige Methoden der zeitgenössischen Fotografie in einem Bereich anwenden, der sich bisher als extrem innovationsresistent erwiesen hat. „Mal sehen, was dabei herauskommt, wenn man die Erfahrung, Weltläufigkeit und Expertise einer Gruppe handverlesener Fotografen aktiviert, ihre persönlichen Sichtweisen zulässt und sie nicht von vorneherein durch Briefings und Regeln total einschränkt.“
Mitreden, mitbestimmen. Einer der Widersprüche der Branche besteht darin, renommierte „Autoren“-Fotografen zu buchen, diese jedoch als Lieferanten für gehobene Klischees zu missbrauchen. „Sag mal, hast du nicht noch irgendwelche schönen Dörfer“, sagt der Art Director am Telefon. „Du weißt schon so was mit Holzhäusern und bunten Gärten. Schau doch deine Dateien noch mal durch.“ Eine weitverbreitete Furcht unter Reisefotografen äußert sich deshalb in Sätzen wie: „Wenn ich diese Schablone jetzt knipse, wählen sie das garantiert aus“ oder „Hoffentlich drucken sie diesmal nicht wieder nur die Postkartenansichten!“.
Damit sich die Beteiligten des Sight-Seeing-Projekts im Vorfeld kennenlernen und austauschen können, gibt es ein erstes Kolloquium, das am Achensee stattfindet. Annäherungen, Austausch, Transparenz.
Wolfgang Scheppe referiert über das Erhabene, Farbsättigung und den Fetisch der Authentizität. Kunstgeschichte, den Landschaftsbegriff und Ideologiekritik. Das Feld wird abgesteckt. Die Touristiker sprechen von ihrer Heimat, von Identität und guten Locations.
„Einige Vertreter der Tirol Werbung“, erinnert sich einer der Fotografen später, „haben beim ersten Meeting Lederhosen getragen. Die Damen waren im Dirndl erschienen. Das hat uns Jeans-Träger ein bisschen amüsiert.“ Aber dann auch nachdenklich gemacht.
„Ich fand die Mannschaft der Tirol Werbung überraschend offen“, sagt Matthias Ziegler, „ohne großes Getue.
Mir hat diese Bereitschaft, sich auf fremde Konzepte einzulassen, sehr imponiert.“
An einen wichtigen Moment am Ende des Workshops erinnert sich Jörg: „Nach seinem abschließenden Vortrag sagte der Tiroler, der die lokale Filmförderung unter sich hat:
‚Geht hinaus. Schaut es euch
einfach an! Wandert!‘ Diese
Begeisterung war einfach
ansteckend, befreiend!“
Ich muss an Hamish Fulton denken. Jedes Werk des britischen Konzept- und Fotokünstlers beginnt mit dem Wandern. „No walk, no work“ ist seine Maxime. Fulton geht davon aus, dass das Gehen die Wahrnehmung verändert. Das meditative, kontemplative Element dieser Fortbewegungsart beeinflusst seiner Meinung nach auch die Fotos, die dabei entstehen.
Eins steht fest: Tirol ist keine unbekannte Größe. Jeder weiß, wie es in Tirol aussieht oder auszusehen hat. Und jeder, der nach Tirol reist, schleppt einen Umzugskarton an Bildern in seinem Kopf herum. Postkarten, Gemälde, Prospekte und Poster. Vermutlich sind selbstgeknipste Bilder dabei und Fotos von Freunden, die letzten Sommer eine mehrtägige Klettertour im Rofan-Gebirge unternommen haben. Dazu kommen Aufnahmen aus der Sportberichterstattung, aus Heimatfilmen und Fernsehserien wie dem „Bergdoktor“. Wie kann man mit diesem Ballast noch unbeschwert und unvoreingenommen wandern?
„Sag mal“, sagt Jörg bei einem gemeinsamen Brezenfrühstück, „du hast doch kürzlich diesen Typen in Meran interviewt. Diesen Tiroler Tourismusforscher. Hat er etwas Interessantes erzählt?“ Und ob! Ich habe Paul Rösch, den Leiter des Touriseums im Schloss Trauttmansdorff im Rahmen einer Reisereportage getroffen. Zur Vorbereitung auf das Gespräch hatte ich Joseph Rohrers Buch zur Ausstellung gelesen, „Zimmer frei“, gespickt mit Informationen über den Tourismus in Tirol.
„Was willst du wissen?“
Glücklich darüber, meine neu erworbenen Kenntnisse an den Mann bringen zu können, krame ich in meinen Notizen.
Ursprung der Tiroler Bilderflut waren die Darstellungen Andreas Hofers, dessen Freiheitskampf vor dramatischer Bergkulisse die Städter faszinierte. Bilder von wild entschlossenen Tirolern, die in Lederhosen gegen ihre Unterdrücker loszogen, wurden massenhaft reproduziert und hingen in vielen guten Stuben.
Ich ziehe den Kunstband über den Maler Franz von Defregger aus dem Stapel, gebürtiger Tiroler aus dem Pustertal in Osttirol. „Das letzte Aufgebot“, „Heimkehr der Sieger“ oder „Hofers letzter Gang“ heißen seine Beiträge zum Hofer-Kult.
Jörg blättert durch das Buch, erzählt mir, wie sehr er den Maler immer geschätzt habe. Dass in der Wohnung seiner Eltern stets eine Defregger-Reproduktion gehangen habe. „Diese bäuerlichen Szenen beeinflussten mich vielleicht mehr als vieles andere.“
„Viele Berglandschaften Defreggers“, finde ich, „wirken erstaunlich ruhig und schlicht, normal irgendwie.“ Im Gegensatz zu den meisten anderen Malern seiner Zeit hat Defregger das Spektakuläre, Dramatische der Berge offenbar nicht wirklich interessiert. Wir legen Defregger zurück auf den Stapel.
Was Paul Rösch immer wieder betonte, sage ich, war die Tatsache, wie arm Tirol im 18. Jahrhundert gewesen sei. Es fehlte hinten und vorne. Tausende von Tirolern zogen deshalb in die weite Welt hinaus. Als Steinmetze, Zimmerleute, Hausierer, Wanderhändler und Spaßmacher. Der „lustige Tiroler“ war schon bald eine Institution auf den Märkten und Rummelplätzen. „Ein bunter Vogel und wohl auch ein bisschen der Depp aus den Bergen.“ Er trug Tracht, trieb seine Scherze, jodelte, jauchzte und schlug sich auf die Schenkel. „Alleweil lustig.“ Die extravaganten
Gesänge und Tänze der
ausgelassenen Bergler
faszinierten die Menschen
und waren, vermute ich,
„die früheste Form der
Tirol Werbung“.
Manche Gesangsgruppen aus dem Zillertal wurden international so berühmt, dass sie wie die Rainer Family 1827 in Windsor vor dem englischen Königshaus jodelten. Mit dem Geld bauten sich die Erfolgreichsten Gasthäuser und Hotels.
1801 schickte ein Wiener Verleger den Landschaftsmaler Ferdinand Runk in die Alpen. 250 Zeichnungen brachte Runk in seiner „Sammlung der vorzüglichsten mahlerischen Gegenden von Tyrol“ heraus. Es folgten Dutzende von Künstlern, die sich auf die Reise in die Tiroler Berge begaben. Kaiser Ferdinand I. ließ sich 1833 einen Guckkasten bauen, in dem er eigens dafür gemalte Aquarelle im Format 50 × 40 cm betrachtete. 16 der 302 Blätter zeigten Motive aus Tirol. Die Sehnsucht nach dem
Wilden und Ursprünglichen,
nach schaurig-schönen
Landschaften und
anmutigen Dörfern
begründete den alpinen Tourismus. Eisenbahnstrecken und Grand Hotels wurden gebaut, Wirtshäuser eröffnet.
Und schon früh kamen die Tiroler den Touristen entgegen. Ab 1870 wurden Verschönerungsvereine gegründet, Misthaufen aus dem Dorfkernen verbannt, Spazierwege angelegt, Bänke an wichtigen Aussichtspunkten aufgestellt. Eine florierende Andenkenindustrie entstand. Kellnerinnen wurden angeregt, knallrote Dirndl zu tragen. Das würde die Geschäfte anheizen. Schon damals hagelte es Kritik und Hohn. „Affenkostüme“ schrieben die Gegner solcher pseudofolkloristischer Maßnahmen.
Und schon 1880 klagte man darüber, dass die Einheimischen alles an die wohlhabenden Touristen verkauften, was nicht niet- und nagelfest war. Truhen, Bilder, Kruzifixe, ganze Altäre, Chorgestühle und Türen wurden verscherbelt.
Inzwischen hatte auch die Bergsteigerei in den Alpen Tirols Einzug gehalten. Alpenvereine wurden allerortens gegründet. Zivilisationsmüde Städter erklommen die Gipfel und begannen um die Jahrhundertwende mit dem Skilaufen. Am Gipfel waren Erinnerungs- und Beweisfotos von Nöten. Während bei der ersten Fotoexpedition auf den Montblanc noch 25 Träger 200 Kilogramm Ausrüstung schleppten, hatten 1910 bereits jeder fünfte Bergsteiger seinen eigenen Apparat dabei.
„Und heute“, sagt Jörg, „wiegen die Knipsen oder Handys nur noch 200 Gramm und man kann direkt am Gipfel anschauen, was man aufgenommen hat.“
„Obendrein ist das Netz da oben oft besser als in Obersendling.“
Gero Günther